Die Schlucht der streunenden Hunde

Konstantin Sergienko

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Jeder Mensch hat irgendwo in der Welt einen Lieblingsort. Das kann ein Platz am Ufer des Meeres sein oder ein einsamer Waldsee, ein Bergtal oder einfach ein gemütliches Plätzchen im Park. An solchen Orten kann man sich prächtig erholen, vor sich hin träumen, lesen oder einfach nur trübe Gedanken vergessen. Und hinterher ist es dann umso schöner, wieder nach Hause zu kommen und zu spüren, wie warm und behaglich es dort ist - vor allem wenn draußen Schnee fällt oder ein herbstliches Unwetter tobt.

Aber die herrenlosen Hunde aus Konstantin Sergienkos großartiger Erzählung „Die Schlucht der streunenden Hunde“ haben nichts außer einer öden Schlucht am Rande der Großstadt. Um die Schlucht herum stehen riesige kalte Häuser, die von Menschen bewohnt werden, denen das Schicksal derer egal ist, für die diese Schlucht alles ist, was ihnen in dieser gleichgültigen Welt noch geblieben ist. Und die auch nie etwas anderes haben werden. Die kein Dach über dem Kopf haben werden und keine Menschen, die sie lieben, füttern und wärmen. Die keine Menschen haben werden, die sie wenigstens ein klein bisschen brauchen.

Aber diese Hunde fühlen sich keineswegs elend. Sie sind freie und ungebundene Hunde. In ihrer Schlucht eröffnet sich ihnen eine grenzenlose Welt voller kostbarer Schätze, aufregender Düfte und interessanter und rätselhafter Geheimnisse.

Sie wollen diese ihre Welt gar nicht verlassen. Die Schlucht ist ihr Zuhause. Sie haben hier alles, was sie brauchen. Sie sind nicht anspruchsvoll. Aber nichtsdestotrotz träumen sie alle den gleichen Traum: einen Menschen zu finden, der für sie da ist. Aber dieser Traum bleibt für die meisten von ihnen unerfüllbar. Und ihre Schlucht ist der einzige Ort, wo sich vor der unbarmherzigen Welt zurückziehen und schützen können.

Dieses Buch, dem es gelingt, aller traurigen Realität zum Trotz doch Optimismus und Lebensfreude zu verbreiten, geht dem Leser ans Herz. Hauptheld ist der Hund Gordy, der es am Ende des Buches tatsächlich schafft, seinen Menschen zu finden. Und dass sich in diesem Menschen unschwer der Autor selbst erkennen lässt, macht das Buch noch lyrischer und herzergreifender.

Die Geschichte wird aus der Perspektive Gordys erzählt. Hier geht es nicht nur um Trauriges, sondern auch um die Freuden des freien und ungebundenen Lebens. Eine Geschichte voller Humor, Ironie, Güte und Großherzigkeit. Güte gegenüber jenen, die ihren Mut, ihren Humor und ihre Lebensfreude nicht verloren haben, auch wenn das Leben für sie nur wenige Freuden bereithält. Wer dieses Buch liest, versteht, wie wichtig es ist, jene verheißene Pforte zu finden, hinter der sich ein Mensch befindet, der wirklich zu einem gehört. Und ein solcher Mensch zu werden, der zu einem gehört, das ist nicht einfach nur ein Schritt im Leben, sondern eine große Ehre und ein großes Glück.

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Konstantin Sergienko ist einer der begabten russischen Romanautoren des letzten Drittels des 20. Jahrhunderts. Er verfügte über eine herausragende Vorstellungskraft. Er war ein ernsthafter „Erwachsenenautor“ und zugleich ein phantastischer Geschichtenerzähler, den das jugendliche Lesepublikum leidenschaftlich liebte.

Das Buch „Die Schlucht der streunenden Hunde“ ist kein Buch über Hunde, sondern ein Buch über dich und mich, über alle, denen das Leben hart mitspielt, die sich einsam fühlen, die aber nichtsdestotrotz stolz, ironisch, großherzig und vor allem anderen frei sind.

In der Erzählung werden Trübsal und Freude, Trauer und Humor, Ernsthaftigkeit und Ironie, äußere Dramatik und innere Poesie virtuos verbunden. Die Erzählung ist voller Töne, Aromata, feiner Anspielungen, Funken sprühendem Humor und scharfsinnigen Dialogen. Diese Erzählung, in der die Hunde singen, heulen und lachen, wenn sie von sich erzählen, ist aus sich heraus ungewöhnlich musikalisch. Und genau deshalb ist es wahrscheinlich vor allem anderen das Musical, in dem alle Stärken des Buches am deutlichsten zum Ausdruck kommen.

Die Prosa Konstantin Sergienkos hat grenzenloses Potential für einen feinen, poetischen, raffinierten und vor allem klugen und gutherzigen Film, der eine Art Offenbarung für Kinder und Erwachsene gleichermaßen wäre.

Womöglich ist die Erzählung „Die Schlucht der streunenden Hunde“ das beste Werk eines herausragenden Schriftstellers, ein Werk, das ebenso mitreißend wie poetisch ist. In ihrer Freiheitsliebe und Unabhängigkeit, aber auch in ihrem Unglück haben ihre Figuren viel Menschliches. Im Kern handelt es sich um ein soziales Drama von ewiger Gültigkeit, das aber in unseren mitleidlosen Zeiten besonders aktuell ist. Niemand, der dieses Buch liest, kann sich dem Gefühl des Mitleids und des Mitleidens entziehen. Und zugleich lernt der Leser, allem, was es in unserer absurden und wundersamen Welt auch geben mag, mit Weisheit, Freude und Ironie zu begegnen.
  

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Konstantin Sergienko

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Die Hundepforte (Собачья дверца, 2007 / © Студия Анимос)